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Okinawa Report Januar 2013

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  • 11 Feb

Da waren wir natürlich dabei, sind eigens für die Kirschblüten mit einer großen Gruppe von Studenten ins 70 km nördlich gelegene Nago gefahren, um uns dort die Kirschblüten anzuschauen. Die Kirschbäume selbst befanden sich auf einem kleinen Berg, den man nur durch eine alte und steile Steintreppe erklimmen konnte. Auf dem Weg nach oben begleiteten denjenigen, dem der Weg nicht zu steil war bereits die ersten Kirschbäume rechts und links des Weges und ab und zu riesige Steinlaternen. Allerdings entdeckten wir eine Laterne, in die wir einen Blick hineinwerfen konnten und fanden – eine Glühbirne! Am Ende der Treppe wartete eine Art Schrein auf die Besucher, an dem man die Schreinglocke läuten konnte, was einem Gebet gleichkommt.

Das Fest selber erinnerte an eine Kirmes mit den vielen Buden an denen man mit Pfeilen auf Ballons werfen oder etwas zu Essen kaufen konnte. Die meisten Fest-Straßen waren für Autos komplett gesperrt, auf einer der Hauptsraßen konnte man vom Rand aus eine Parade beobachten, die u.a. traditionelle okinawanische Tänze aufführte.

Da diesen Bericht vor allem Ochtruper lesen, sollte ich auf jeden Fall noch erwähnen, dass wir im Anschluss noch eine Bierbrauerei in Nago besichtigt haben. Dort wird das, zumindest auf Okinawa berühmte, „Orion“ Bier hergestellt. Leider war es uns nicht erlaubt, während der Führung Fotos zu machen.

 

Im Februar endet das Semester und wir haben endlich Ferien, aber im Januar gab es noch ein Ereignis, das viel Zeit und Mühe gekostet hat: Der Redewettbewerb an der Ryukyu-Universität. Alle ausländischen Studenten unseres Programms, das waren ungefähr 70 Leute, mussten eine kurze Rede auf Japanisch vorbereiten und diese dann vor Publikum und Jury vortragen. Auch das Fernsehen war anwesend, wir konnten uns dann später in den japanischen Nachrichten sehen. Ich habe den Okinawanern, die ja kein Schnee und Eis, und somit keinen „echten“ Winter kennen, das Gefühl dafür vermitteln wollen und habe deshalb vorgetragen, wie man einen vernünftigen Schneemann baut. Auch für den Fall, das die Okinawaner mal im Urlaub mit Schnee o.ä. konfrontiert werden sollten. Die Rede ist auch gut angekommen, ich hatte sogar extra einen Schneemann aus Pappe gebastelt.

Neben solchen amüsanten Reden gab es aber auch viele ernste Geschichten über Politik, Gesellschaft oder Trennung.

Das waren so die Ereignisse, die nichts mit Karate zu tun haben. Aber ich kann euch natürlich keinen Bericht schicken, in dem kein Karate vorkommt – nicht wahr? Daher möchte ich euch nun noch etwas über die Shinnenkai des Jundokan erzählen, zu Deutsch etwa: „Neujahresversammlung“. Zum Schluss gibt es heute noch was besonderes, denn ich habe mich im Januar mit einem ganz besonderen Gedicht beschäftigt, dem unser Stil seinen Namen zu verdanken hat!

Die Shinnenkai ist, anders als die Bonenkai, kein jährliches Ereignis. Eine Shinnenkai erinnert zwar auch stark an eine Jahreshauptversammlung, wird aber nur zu besonderen Anlässen abgehalten. Ein bedeutender Anlass, dass dieses Jahr eine Versammlung abgehalten wurde, ist die Tatsache, dass der Urvater des Goju-Ryu, Chojun Miyagi Sensei vor genau 60 Jahren gestorben ist.

Diese Versammlung fand auch demnach nicht in einer Pizzeria, sondern in einem Saal eines noblen Hotels an der Kokusai-Doori statt. Es nahmen ca. 30 Leute teil. Diesmal hielt nicht nur der Direktor eine Rede, sondern auch der oberste Sensei Yasuda und andere Gäste, wie z.B. Sensei von anderen Dojo.

Die Gelegenheit war günstig, einige der Sensei besser kennen zu lernen. So erfuhr ich, dass viele beruflich etwas mit Medizin zu tun hatten. Auch einige Polizisten gäbe es, aber früher wäre das noch mehr gewesen, da hätte es viele Polizisten im Dojo gegeben. So seien auch Miyagi und der Gründer des Jundokan Polizisten gewesen. Es freute sie sehr zu hören, dass auch der Gründer des Ochtruper Dojo’s Polizist gewesen war.

Einer der Polizisten, die heute noch im Dojo trainieren, ein stämmiger Kerl der u.a. schon lange Kyokushin Karate praktiziert und bereits eine Kobudo-Meisterschaft gewonnen hatte, erzählte mir immer er sei 25 Jahre alt und das hatte ich ihm auch glatt abgekauft, doch an diesem Abend erfuhr ich, dass man die Zahl umdrehen müsse, damit es hinkommt. Er sieht wirklich nicht danach aus! Ich erfuhr dass Geheimnis der ewigen Jugend auf Okinawa ein paar Tage später im Dojo, als mich einer der Sensei fragte, was ich glauben würde warum die Okinawaner so gesund und jung sind. „Na, wegen dem gesunden Essen, dem Klima und der vielen Bewegung!“ antwortete ich bestimmt, das steht ja auch in allen Büchern! „Nein , weil wir uns viel ausruhen und wegen den „Girls“!“ , wurde ich aufgeklärt.

Natürlich war das halb im Scherz gemeint, aber vielleicht ist ja auch ein bisschen was dran?

Auf jeden Fall gab es auf der Shinnenkai ein leckeres Buffet, an dem man sich, nachdem die Reden der verschiedenen Sensei nach ca. ½ Stunde vorüber waren, nach Belieben bedienen. Es gab sogar eine kleine Bar, das beliebteste Getränk ist jedoch auch hier auf Okinawa – Bier!

Die Versammlung dauerte dann auch nicht mehr allzu lange, um 21:00 Uhr wurde die Versammlung als beendet erklärt. Wer dann noch Lust hatte und noch einigermaßen geradeaus laufen konnte, konnte noch in einem sogenannten Izakaya, einer Art Kneipe, weiterfeiern. Dort gab es dann allerdings kein Bier mehr, sondern nur noch Awamori, Okinawas berühmten Reiswein.

 

 

Manche haben sich bestimmt schon mal gefragt, woher der Name Goju-Ryu eigentlich kommt. Ich habe mich in letzter Zeit daher näher mit einem alten Gedicht beschäftigt, aus dem Miyagi Chojun damals die Stelle mit dem „Goju“ wählte, um seinen Stil zu benennen.

Hier sieht man das Gedicht einmal als Ganzes:

Man liest von Rechts nach Links, von Oben nach Unten. Es besteht aus acht Versen, von denen sich zwei immer im Satzbau gleichen. Ein Vers besteht also jeweils aus fünf Zeichen.

Da dieses Gedicht mehrere hundert Jahre alt und chinesisch geschrieben ist, hätte ich es ohne die Hilfe von meinen Lehrern und Freunden an der Uni, und auch Herrn Sunagawa Sensei, nicht so leicht übersetzen können.

Dieses Gedicht ist nicht nur im Shureido (dem Karate Geschäft in Naha) zu finden, sondern auch an der Wand des Jundokan, in feiner Schrift auf vier länglichen Holztafeln neben dem Schrein an der Hauptseite.

Im Folgenden möchte ich eine möglichst wörtliche Übersetzung vorstellen. So kann sich jeder ein Bild machen, und kann sich selbst eine Interpretation zusammenreimen. Eins sei allerdings gesagt: Das Gedicht, oder vielmehr die Verse, sind nicht immer eindeutig. Es ist an vielen Stellen mehrdeutig, je nachdem, wie man es auslegt.

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Also, fangen wir an mit der Überschrift:

Die Überschrift ist noch recht eindeutig. Sie besagt soviel wie „ Die acht Verse über die wichtigen Punkte des Weges der Faust“.

Als nächstes folgt die erste Strophe mit dem ersten Vers. Zehn Zeichen in der Vertikalen bilden jeweils eine Strophe, also zwei Verse.Der erste Vers besagt: „ Das Herz der Menschen gleicht dem Himmel und der Erde.“ Für „Himmel“ gibt es allerdings zwei verschiedene Zeichen mit unterschiedlicher Bedeutung. Zum einen gibt es da „Sora“, was den Himmel und die Wolken meint, also dem englischen Wort „Sky“ entspricht. Andrerseits gibt es das „Ten“, was den göttlichen Himmel meint, also auf Englisch „Heaven“. Hier wurde „Ten“ verwendet, und da „Tenchi“ mehrere Bedeutungen hat, kann dieser Vers außerdem mit: „Das Herz der Menschen gleicht dem Universum“ übersetzt werden.

Auch das Zeichen für Herz ist hier nicht eindeutig. Und wenn man mal ehrlich ist, wie soll das denn bitte gehen? Das Herz ist so wie Himmel und Erde, oder das Universum?

In der Tat hat das Zeichen „Kokoro“, das hier benutzt wurde, vielmehr die Bedeutung „Geist“ oder auch „Seele“.

Benutzt man diese Übersetzung kommt man zu folgendem Vers: „ Der Geist des Menschen gleicht dem Universum“ oder auch „Die Seele des Menschen IST das Universum“!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ganz schön knifflig, und wir sind immer noch bei der wörtlichen Übersetzung!

Ich werde bei den noch folgenden Versen nicht alle so ausführlich beschreiben, sondern nur bei den besonders Interessanten mehr dazu sagen.

 

 

 

 

Also, Strophe 1 Vers 2:

Wörtlich: „ Das Blut ähnelt/ ist abhängig von Sonne und Mond“. Wie auch bei Vers 1 haben einige Zeichen mehrere Bedeutungen. So kann man es auch wie folgt übersetzen, und schon macht es mehr Sinn: „Der Puls ist abhängig von Tag und Nacht“.

Kommt einem auch irgendwie bekannt vor, oder?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 ThiloJan5  Das ist unser Vers! Strophe 2 Vers 1. Diesem Vers hat unser Stil seinen Namen zu verdanken! Erkennt ihr die Zeichen?

Es heißt: „Das Universum atmet hart und weich“. Das erste Zeichen, das ich hier mit Universum übersetzt habe hat heute allerdings eine ganz andere Bedeutung, nämlich „Methode“ oder auch „Gesetz“. Außerdem steht, wenn man es genau nimmt, nicht „atmen“ dort, sondern „ein- UND ausatmen“.

Man könnte also auch spekulieren: „Die Methode vom Ein- und Ausatmen ist/ sei hart und weich“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Der zweite Vers der zweiten Strophe besagt: „Der Körper verändert sich zu jeder beliebigen Zeit“. Auch irgendwie komisch, oder? Wenn man sich die letzten Zeichen, die „Veränderung“ bedeuten aber einmal genauer anschaut, dann meinen diese Zeichen nicht einfach nur eine Veränderung, sondern sie meinen eine angemessene Reaktion und somit Veränderung auf eine unerwartete Situation.

So bekommen wir: „Der Körper reagiert zu jeder Zeit – Ist/ Muss immer bereit (sein), auf Unerwartetes zu reagieren.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dritte Strophe, Vers 1. Einer der Verse, die überaus mysteriös anmuten und offenbar mehrere Deutungen zulassen.

Oder ist „Die Hand berührt die Leere und geht dann in sie hinein“ eindeutig?

In diesem Vers kommen übrigens die beiden Zeichen vor, aus denen das Wort „Karate“ besteht. Entdeckt ihr sie?

Eine Erklärung für diesen Vers ist Folgende: Es könnte gemeint sein, dass, wenn sich eine Lücke in der Verteidigung des Gegners zeigt (Leere) man diese Stelle angreifen soll (die Hand trifft die Leere).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Der zweite Vers der vorletzten Strophe ist ein wenig schwierig zu entschlüsseln, da das erste Zeichen zwei gänzlich unterschiedliche Bedeutungen haben kann. So komme ich zu zwei ziemlich unterschiedlichen Übersetzungen, die doch im Kern das gleiche bedeuten:

Version 1: „ Das Pferd schreitet voran und zieht sich zurück, entfernt sich und begegnet“.

Version 2: „ Die Distanz ist voranschreiten und ausweichen, entfernen und begegnen“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Damit wären wir auch schon bei der letzten Strophe angelangt. Strophe 4 Vers 1.

„ Die Augen müssen in vier Richtungen sehen“.

„Vier Richtungen“ bedeutet hier (höchstwahrscheinlich): „ALLES“! Mit anderen Worten: „Die Augen müssen Alles sehen“.

Wir sagen ja manchmal im Deutschen: „Halt die Augen offen!“, was meint „Sei wachsam!“. Dies ist hier wohl auch gemeint – sei wachsam!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 So, das wären dann also die acht Verse über die wichtigen Punkte im Bezug auf den Weg der Faust. Wie gesagt: Es ist nicht eindeutig und da die japanischen Zeichen (Kanji) zwar aus China stammen, hat sich ihre Bedeutung doch oft, wenn auch meist nur geringfügig, verändert.

Verfasst wurden die Verse, laut Hokama Sensei , von einem chinesischen Strategen namens „Gogengi“ (1594-1640?) während der Ming Dynastie.

Auch, wenn einiges nicht ganz eindeutig ist, lässt sich doch mit Gewissheit sagen, dass Karate nicht nur mit der japanischen Kultur verbunden ist, sondern auch ganz gewiss mit der chinesischen.

Ich hoffe euch gefällt auch dieser Bericht wieder. Hat zwar etwas auf sich warten lassen, aber dafür gab’s ja diesmal auch was Besonderes!

Da ich gehört habe, dass in Deutschland weiterhin der kalte Winter Einzug hält, wünsche ich Allen beste Gesundheit und viel Spaß beim erwärmenden Training!

Herzliche Grüße aus Okinawa,

Thilo