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Gedanken zum Katatraining

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  • 16 Dez

Meine heutige Sichtweise bzgl. der kata gründet sich hauptsächlich auf Erfahrungen mit Fritz Nöpel sensei, Kisaki sensei und unseren japanischen Freunden aus dem yuishinkan- dojo in Osaka. Die lange Verbundenheit mit Fritz Nöpel, die Gespräche mit ihm und der Besuch seiner Lehrgänge haben mich geprägt und haben es mir ermöglicht, eine gewisse Klarheit in der Position zu finden.Dass jahrzehntelanges Training und die dabei gemachten körperlichen Erfahrungen ein Übriges taten, ist sicher.

Meine Tätigkeit als Dojoleiter war ebenfalls hilfreich da ich das Glück hatte, immer wieder auf interessierte Schüler/ - innen zu treffen.Dies alles hat mich meine ursprüngliche, zögerliche Haltung aufgeben lassen.

Grundschule und kata

Vor dem Erlernen der ersten kata wird Grundschule praktiziert.

Dies ist notwendig, da sich die Grundschule in der kata widerspiegelt. Also kann man die kata nicht betrachten, ohne kurz auf die Bedeutung und Gewichtung der Grundschule einzugehen.

Im Laufe seines Karatelebens muss der Karateka immer wieder Grundschule und kata trainieren.

Es gibt Karateka, die durch das immer wiederkehrende Üben der Grundschule eine hohe Perfektion erreichen.

Bei einigen Karateka hat das Üben der Grundschule jedoch schon fast spirituellen Charakter angenommen, sie finden darin geistigen Halt und sehen darin vor allem eine Möglichkeit, sich fit zu halten.

Von Fritz Nöpel wissen wir, dass man zwar die Grundschule trainieren, dieses Üben jedoch nicht überbetonen und zeitlich überproportional im Training verankern soll, ansonsten droht ein Stillstand in der Entwicklung.

Grundschule zu trainieren ist zwar notwendig,  jedoch  nicht der Sinn des Karate -do als Kampfkunst.

Über unsere kata selbst

Jede kata im goju-ryu hat einen speziellen Charakter, Bewegungsmuster und Rhythmen sind verschieden.

Der genaue Ursprung der jeweiligen kata liegt im Dunkeln, ebenso die Namen derjenigen, die sie schufen.

Man darf unterstellen, dass die kata eine Weitergabe von Technikanwendungen darstellt. Sie sind das Kompendium jeweils unbekannter Meister der Kampfkunst.

Dass sie ein gefahrloses Üben der Techniken darstellen und manchmal auch „medizinische“ Bewegungen beinhalten, ist unbestritten.

Mit Ausnahme der geksai I und II ( Okinawa ) stammen alle kata im goju-ryu aus Südchina und sind dem Gottesanbeterstil und dem Kranichstil zuzuordnen.

 Die Nähe zum Gegner, kurze Ausweichbewegungen und hohe, bewegliche Stände sind ebenso charakteristisch für unseren Stil wie das Vermeiden hoher Fußtechniken als Angriffs- oder Kontertechniken.

Warum gibt es mehrere Ausführungen der kata und kata- bunkai

Dass Veränderungen vorgenommen werden ist für die Kampfkünste normal.

Veränderungen erfolgten früher oftmals aufgrund von Verstecken der „richtigen“ Techniken. Auch war der Grad der Einbettung in die bestehende Kampfkultur der jeweiligen Länder mit ausschlaggebend.

Genau wie der Ursprung und die Entstehung sind die ursprünglichen praktischen Anwendungen der jeweiligen kata weitestgehend unbekannt.

Auf dem Weg von Südchina nach Okinawa wurden im goju-ryu vermutlich keine wesentlichen Änderungen vorgenommen.

Auf Okinawa selbst haben die kata erste Veränderungen durch die Schüler der „Meister“ erfahren, dieses wurde nochmals durch die Übertragung auf das japanische Festland verstärkt.

Gerade was die Interpretation des Angriffs und der darauf folgenden Abwehrkombination anbelangt, sind wir heute – sofern noch vorhanden -  auf  Erklärungen der „alten Meister“ angewiesen.

Die Linie Miyagi sensei- Kisaki sensei- Nöpel sensei ist für mich ein Garant dafür, dass wir überwiegend noch ursprüngliche Formen der Kataanwendung praktizieren.

Ich habe neben anderen noch das Glück gehabt, Kisaki sensei persönlich zu erleben.

Er hat Zeit seines Lebens nach dem Ursprung der kata geforscht und war ein international anerkannter  Experte der Kampfkunst.

So haben wir es erlebt, dass er selbst Techniken änderte und dies mit seinem gestiegenen Wissensstand erklärte.

Ich muss vorausschicken, dass in Deutschland bis Mitte der 80er Jahre kata nur in der Form praktiziert wurde, dass Bewegungen imitiert wurden. Die praktische Anwendung einer kata wurde oftmals unter Hinweis auf „geheimes Wissen“ mit den Schülern nicht geübt.

Kisaki sensei hat dies damals in Deutschland auf Lehrgängen geändert in dem Bewusstsein, dass nur derjenige, der den Sinn der Bewegungen versteht, die kata begreifen und in ihr wahres Wesen vordringen kann.

Fritz Nöpel lehrt seit Jahren die omote- bunkai- Formen der goju-ryu- kata auf seinen Lehrgängen.

Dies ist hilfreich und notwendig für die  Erhaltung der „ursprünglichen“ kata in ihrer Bewegungsstruktur und ihrem Rhythmus.

Auf seinen Lehrgängen betont Fritz immer wieder, dass die Angriffe in den kata nicht tsukis sind, sondern es sich meist um ein Greifen, Schubsen, Fassen oder Würgen handelt.

Daraus resultiert, dass sich die Abwehr an solche Angriffe anpassen muss und man gelangt zu realistischen omote- bunkai- Formen.

Dass die Ausführungen der kata mittlerweile in allen Ländern durch den Sport wesentliche Änderungen erfuhren,  ist unstrittig.

 Im Sportkarte nehmen bei der Demonstration von kata Merkmale wie Athletik, Ästhetik und Showeffekte einen immer größeren Raum ein.

In Zeiten des ungehinderten Datenflusses via internet werden Bunkaiformen von manchen Trainern offenbar in Ermangelung von Lehrern unreflektiert übernommen und als eigene Überlegungen ausgegeben.

Hierdurch entstehen eine Vielzahl von Erklärungsansätzen, die jedoch meist in die Irre führen.  

Wie soll kata geübt werden

Katatraining ist so genanntes „persönliches Training“ d.h., die kata kann durch den Schüler allein auch ohne Anwesenheit des Lehrers trainiert werden.

Es empfiehlt sich jedoch, die kata immer wieder dem Lehrer zu zeigen, um Fehler möglichst schnell und frühzeitig auszumerzen.

Zunächst werden die Bewegungen erlernt, dabei steht die saubere Technikausführung im Vordergrund.

Es folgen Hinweise des Lehrers bzgl. des richtigen Rhythmus.

Erst jetzt wird die kata mit mehr Kraft und Einsatz trainiert. Dies bis zu dem Grad von  Perfektion, dass bei der Ausführung der kata nicht mehr gedacht werden muss, die kata muss „fließen“.

Die omote- bunkai soll in allen Phasen des Übens mit praktiziert werden.

Bevor man mit dem Erlernen die nächsten kata beginnt, soll man hinreichend sicher die korrekten Bewegungen und die omote- Anwendung beherrschen.

Das westliche Prinzip „höher, schneller, weiter“ findet keine Anwendung. Der Schüler muss immer wieder üben, Ungeduld und Hast sind fehl am Platz.

Der Lehrer entscheidet individuell, wann die Zeit  für das Erlernen einer neuen kata gekommen ist.

Kata- wie soll die Entwicklung des Karateka stattfinden

Jeder länger praktizierende Karateka wird die Erfahrung machen, dass sich die Art der persönlichen Ausführung der kata  im Laufe der Jahre ändert.

 Ich möchte dabei den Aspekt herausstellen, dass sich die Ausführung der kata durch mehr Verständnis für die Bedeutung der Techniken und den notwendigen Rhythmus der kata verändert.

Mit wachsender Routine in der Ausführung, vergrößertem Wissen und immer wacher Neugier bekommt der karateka idealiter vertiefte Einblicke in das Wesen einer jeden kata.

Den Schüler durch Korrektur der Bewegungen und Unterweisung in die omote-bunkai –Form anzuleiten, stellt die erste Stufe der kata- Ausbildung durch den Lehrer dar.

Ich selbst habe im Laufe der Zeit gute Erfahrungen damit gemacht, das Erlernen der Techniken der kata sofort mit der Demonstration und dem Üben der Anwendung zu koppeln.

Diese Lehrmethode ist jedoch nur dann sinnvoll einzusetzen, wenn der Lehrer auch um die Bewegungsbedeutung weiß und sich nicht bei der bunkai irgendwelche Phantasietechniken zurechtlegt und vermittelt.

Nach jahrelangem Training ist dann die Beeinflussung der Schüler durch Hinweise und Fragestellungen des Lehrers wichtig.

 Dabei soll im Training selbst nicht viel geredet werden, das Training dient der körperlichen Entwicklung.

Mondo- für die Wegfindung unerlässlich

Im Wege des so genannten „mondo“, des Lehrgesprächs, wird der Lehrer sich der Fragen des/ der Schüler annehmen und so die Richtung der Entwicklung beeinflussen.

Die europäische Lehrmethode:  Frage des Lehrers- Antworten der Schüler- Diskussion – Verteilen von Kopien mit der Lösung-  ist hierfür nicht geeignet.

Die „richtige“ Art der Fragestellungen durch den Lehrer kann nur dann erfolgen, wenn er über genug Hintergrundwissen verfügt und die „richtigen“ Worte findet, um den/ die  Schüler in die richtige Richtung zu lenken.

Dabei  kann dann der Übergang vom omote- zum okuden erfolgen, Hinweise des Lehrers führen zu Überlegungen der Schüler, die letztlich auf den „Weg“ zur korrekten Ausführung der kata und deren Anwendungsmöglichkeiten führen.

Dieser gleichermaßen für Schüler und Lehrer schwierige Weg dauert lange und begründet eine enge Verbundenheit.

Ulrich Schlee

November 2007