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Okinawa Report Sept. 2012

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  • 01 Okt

Nach einer Reisezeit von weit über 20 Stunden sind wir dann endlich in Naha gelandet. Während des Landeanflugs konnte man schon kleine Inseln, blaues Meer und weiße Strände erkennen. Uns wurde auch Eis angeboten, aber im Flugzeug war es angenehm kühl und uns war, noch vom deutschen Wetter völlig vereinnahmt in langen Hosen und Pullis verpackt, so gar nicht zumute nach Eis. Als ich in Deutschland morgens um 6:00 Uhr das Haus verlassen habe, waren es 4 Grad Celsius.

 

Man ahnt es schon: Die nächste Überraschung, die streng genommen keine ist, sollte nicht lange auf sich warten lassen. (Ach ja, die das mit der Karte hört sich unspektakulär an, wird aber noch mal wichtig!)

 

Also, da kommen wir also aus dem kalten Deutschland, steigen in Naha aus dem akklimatisierten Flugzeug und …. Beteten den akklimatisierten Flughafen! Überall im Flughafengebäude ist bunter Teppichboden verlegt und es läuft eine ruhige und fröhliche Musik (wahrscheinlich Sanshin = berühmtes Instrument Okinawas). ‚Ja’, dachten wir wohl – ‚Das is’es! Urlaub wir kommen!’ Fehlt nur noch warmer Sonnenschein und alles ist gut. In der Empfangshalle des Flughafens trafen wir dann unsere Betreuerin von der Universität, die uns freudig begrüßte. Ihr Name ist Serinah. Sie spricht fließend Englisch, Japanisch, Chinesisch und Taiwanesisch (chin. Dialekt) und kommt eigentlich aus Singapur. Wir schleppen uns also mit unseren Koffern in Richtung Ausgang, die Tür geht auf, wir atmen das erste Mal okinawanische Luft und … werden erschlagen! Es ist ende September und gute 35 Grad im Schatten mit einer Luftfeuchtigkeit von über 90%! Ich habe jetzt nach 10 Tagen!!! Immer noch Probleme mit dem Atmen – obwohl ich mich nicht mal bewege! Ich kann 1. überhaupt nicht verstehen wie man hier in langen Karate-Anzügen trainieren kann und 2. wie man ÜBERHAUPT trainieren kann?

Arbeitskleidung – und das ist KEIN Scherz – ist hier übrigens das Hawaii Hemd!

Mit dem Auto ging’s zum Wohnheim – wir hatten fast 3 Mal einen Unfall!!!! auf einer Strecke von gerade mal 10 km – und wir waren nur froh, als wir endlich wieder aus dem Auto raus konnten. Unsere Betreuerin ist gefahren. Ich habe mir sagen, dass die Taxifahrer noch viel schlimmer fahren und die Betrunkenen auch. Ja! Die Betrunkenen! Bis vor ein paar Jahren war es noch üblich, das man auch noch betrunken mit dem Auto nach Hause gefahren ist. Angeblich macht das heute keiner mehr – aber wenn ich mir das hier so ansehe ist das endweder gelogen oder Blinde bekommen hier auch den Führerschein…

Wir hatten glück und konnten in das bessere von drei Wohnheimen einziehen. Klein aber fein! Möbliert, mit kleinem Gasherd und Nasszelle und großem Kühlschrank für nicht mal 150€ warm! Wer hier eine normale Wohnung mieten möchte, muss allerdings schon mit ähnlichen Preisen wie in Deutschland rechnen – also ca. 300€ kaltmiete. Immer noch besser als 700€ für ein 10m² Zimmer in Tokyo!

Da waren wir also – nach einem kurzen Briefing wurde uns der Hausmeister – Osamu-san – der übrigens sehr nett ist, ein bisschen deutsch kann und Schokolade mag, vorgestellt und wir waren auf uns allein gestellt. Freitag Nachmittag, Okinawa im Studentenwohnheim – nix los – noch keiner da- auch nix zu Essen.

Zum Glück wurde uns schon ein Tutor zugewiesen, der mit uns Einkaufen und Essen gefahren ist – nachdem er, bzw. SIE mit ihrem Auto einen Laternenpfahl umgedonnert hat. Wir haben uns auch direkt ein japanisches Handy gekauft, was die Kommunikation hier wirklich sehr erleichtert. Da wollte man von uns auch plötzlich wieder die Karte haben, die wir am Flughafen bekommen hatten, denn diese Karte ist hier in Japan für ein Jahr unser Ausweis! Normalerweise bekommt man die erst nach ein paar Wochen, aber wenn man an bestimmten, für gewöhnlich ziemlich großen Flughäfen japanischen Boden betritt, wird diese Karte sofort ausgestellt. Glück für uns – so konnten wir ein Handy kaufen.

Wir wohnen im internationalen Wohnheim, aber es war noch niemand da die kamen aller erst die Woche darauf an.

Ich habe am nächsten Tag, also Samstag direkt den netten Hausmeister genervt, ob es hier nicht ein Karate-Dojo gibt, das hätte ich im Internet gelesen. Und tatsächlich, nach einigen ausgedehnten Spaziergängen, bei denen ich die nähere Umgebung erkunden konnte, habe ich auch schließlich das Dojo von Hokama-Sensei gefunden. Das Dojo- was gleichzeitig auch ein Museum ist!

Ich also zurück zur Uni, meine Mitstudierenden, Lisa, Cosima und Vanessa abgeholt und zum Dojo/ Museum geführt. Die hatten nämlich auch ganz schön Langeweile.

Erst dachte ich, es sei niemand da und wollte schon wieder gehen, doch dann rief uns jemand herein und wir durften eintreten. Der Eingang wurde von Shisa, den okinawanischen Schutz- und Glücksgöttern, die an fast jedem Hauseingang stehen, bewacht. Was von Außen schon bunt aussah wurde innen noch bunter: Wir betraten einen großen Raum: Ein Dojo! Wunderbar glänzender Holzboden, knallgelbe Wände die vollgehängt waren mit alten Waffen, Bildern, Fotos alter Meister, Kalligraphien und und und….. das ganze Dojo ist gleichzeitig ein Museum und hat einen ganz besonderen Scharm. In einer kleinen Nebenkammer konnten wir Pratzen, Hanteln und Kobudo Waffen sehen. Also ich Herrn Hokama fragte ob er keine Makiwara habe, da ich keine sehen konnte entgegnete er nur: Das ganze Dojo dient als Makiwara! Das eigentliche Museum befand sich im ersten Stock (Eintritt ca. 3€) wo auch Gästebetten (20€/Tag) ihren Platzhatten. Wir haben natürlich den Eintritt bezahlt uns als Hokama-sensei die Treppe hochstieg, schlug er immer mit Keikoken auf die hölzerne Treppe. Er selber wohnt im 2. Stock.

Ich habe ihn nach dem Training gefragt, ob ich mitmachen dürfte und wie teuer das sei. Also: Bei Hokama-sensei (10 Dan Goju Ryu und 10. Dan Kobudo, außerdem Meister der Kalligraphie und Lehrer für die alte Sprache Ryukyus) wird zwei Mal die Woche trainiert, jeweils 2 Stunden. Eine deutsche Studentin, die er mir vorstellte, trainiert auch schon seid 4 Jahren dort. Das Training bei Hokama-sensei sei sehr human – Kata, SV, Bunkai. Wer mitmachen will muss ca. 50€ Aufnahmegebühr zahlen und dann monatlich ca. 30€. Ich habe auch schon von Lehrern gehört, die 70€ pro Monat verlangen sollen. Na ja.

Wie dem auch sei, ich habe mir das Museum angeschaut und werde dort auf jeden Fall noch einmal vorbeischauen um mit HokamaSensei ein Interview zu machen, aber ob ich dort trainieren werde weiß ich noch nicht. Ich schaue mir erst mal ein paar andere Dojo an bevor ich mich entscheide.

Ein paar Tage später, genauer gesagt letztes Wochenende gab es einen starken Taifun! Wir durften das Haus nicht verlassen und fast überall war kein Strom mehr da. Ein Tag nach dem Taifun hatte man das Gefühl, dass so ca jeder 2. Baum entwurzelt und die anderen zumindest irgendwie Beschädigt waren. Überall auf Straßen lagen Motorroller und Fahrräder und das Schlimmste: Alles und ich meine ALLES war dreckig. Alle Fenster, Türen, Autos, Eingänge, Fassaden überalle Matsche und Blätter. Das erklärt auch, warum viele Häuser hier so aussehen wie sie aussehen: Dreckig! Eine andere lästige Eigenschaft von Taifunen (starker Regen und SEHR starker Wind) ist, dass sie Felder verwüsten. Das heißt, vor einem Taifun machen alle Leute Hamsterkäufe, denn so ein Taifun kann schon mal ne Woche dauern und danach schießen die Preise für Gemüse, Obst usw. in astronomische Höhen oder es gibt eine Zeit lang überhaupt kein Gemüse (z.B. in speziellen Gemüseläden, die einheimisches Obst und Gemüse anbieten).

Bei Okinawa mag man vielleicht an weiße Strände uns blaues Meer denken, aber außer im Nördlichen Teil von Okinawa ist die Insel unglaublich dicht besiedelt, sodass selbst wenn man wie ich außerhalb einer Stadt wohnt, immer noch das gefühl hat, man wäre mittendrin.

Mit anderen Worten: Weiße Strände etc. gibt es, aber die sind oft sehr weit weg und das alltägliche leben ist geprägt von sehr vielen grauen Häusern und unglaublich! Viel Verkehr. Jeder 2. Student besitzt hier ein Auto. Da es sehr hügelig ist und die Steigungen teileweise extrem sind, benutzt niemand ein Fahrrad, geschweige denn seine Füße. Es gab früher einmal drei Bahnlinien, aber die wurden durch Luftangriffe im WKII zerstört. Nun gibt es nur noch die Monorail, die aber nur innerhalb der Stadt Naha fährt und Busse, die nur sehr selten fahren, sehr teuer sind und fast oft nicht dahin fahren wo man hin will.

Entweder kennt man jemanden mit einem Auto, oder man kauft sich ein Auto oder man kauft sich wie ich ein Fahrrad und sieht es als Training.

Wie ich kürzlich, auf meiner Suche nach einem weiteren dojo in Naha, herausgefunden habe ist das Problem beim Fahrradfahren hier auf Okinawa eigentlich gar nicht die Steigung oder das Klima, sondern der Verkehr. Fahrradwege, wie wir es gewohnt sind gibt es nicht, die Straßen sind immer brechend voll und so richtig Rücksicht auf Radfahrer nimmt kaum jemand.

Leider konnte ich das Dojo was ich in Naha gesucht habe (Jundokan) noch nicht finden. Ich fahre aber bald noch mal nach Naha und suche solange, bis ich es gefunden habe.

Ich beende hiermit meinen Report für September 2012. Ich hoffe es war interessant. Wie gesagt, es gäbe noch soviel mehr, so viele Details usw. aber das würde den Rahmen sprengen.

Ich hoffe, dass ich auch bald ein paar geeignete Fotos präsentieren kann und schnell ein gutes Dojo finden werde.

Ich melde mich wieder.

Mit den allerbesten sonnigen Grüßen aus Okinawa,

Thilo