Originaltext von: INTERNATIONAL SHURIWAY KARATE & KOBUDO SOCIETY
https://www.shuriway.co.uk/kaisai-no-genri.html
KAISAI NO GENRI – The principle of hidden techniques
Kaisai no genri is a theory and set of rules of thumb which were used by Gōjū-ryū karate masters (Chōjun Miyagi, Seikichi Toguchi) to extract the primary fighting applications (Oyo) encoded into karate kata by the creators. These rules were historically kept secret and passed on to the most senior students of a school only near the death of the head of the organisation. Without such a rule set describing how kata are constructed, the likelihood of deciphering the original combative meaning of the movements in the kata is very low.
Theory
The theory behind Kaisai no genri is that originally kata began as sets of paired drills or „sparring sets“ practised by ancient martial artists. Over time large numbers of these drills became difficult to remember and so the defensive portion of the drills were assembled together into units and became the first kata. It is worth noting that these would probably have been Chinese martial art forms. By the time kata were created in Okinawa, the concept would have been well established.
The attacking methods were not recorded in the forms and are therefore are unknown. However, they may be inferred from limb and body positioning and preceding and following movements through the process of bunkai or in Gōjū-ryū karate the process of Kaisai. It has been theorised by Patrick McCarthy that the drills and defensive routines recorded were responses to Habitual Acts of Physical Violence (HAPV Theory).
The rule set
The rule set is broken down in to three basic rules and nine advanced rules.
Shuyo san gensoko – Three basic rules
1: Don’t be deceived by the shape (embusen) of the kata.
…The kata embusen is designed to allow the kata to be performed within a small space.
…The shape of the embusen has no bearing on the meaning of the techniques in the kata.
2: Techniques executed while advancing are offensive. Those executed while retreating are defensive.
3: There is only one opponent and he is in front of you.
…Turning to face a new direction while performing the kata does not mean you are turning to face a new opponent.
Hosoku joko – Advanced rules
1: Every movement in kata is significant and is to be used in application.
…There are no „salutation“, religious or empty movements in kata. All movements in the kata have meaning.
2: A closed pulling hand returning to chamber usually has some part of the opponent in it.
…When pulling a hand to the chamber position, particularly if it is closed, it should be considered to have some part of the opponent in its grip. e.g. an arm, wrist or even head.
3: Utilize the shortest distance to your opponent.
…The kata will typically attack the opponent with the closest part of your body.
4: If you control an opponent’s head you control the opponent.
…Kata techniques often target Kyusho (vital or weak points of the body), many of the most important of these are in the head. e.g. eyes or throat.
5: There are no blocks.
…Uke are not blocks, they are „defences“, however in kata they may not even represent defences, but simply be the movements of the limbs required to execute a more complex technique like a throw.
6: Angles in kata are very important.
…The angle to which you turn represents the angle which you must take relative to the opponent for the technique to work. It does not represent turning to face a new opponent.
7: Touching your own body in kata indicates that you are touching part of your opponent.
…In the absence of a partner to practice with, where the kata touches your own body, you would be touching or holding part of the opponent’s body.
8: Don’t attack hard parts of your opponent with hard parts of your body.
…The kata typically strikes hard parts of the opponent with soft parts of your body and soft parts with hard parts of your body.
9: There are no pauses in the application.
…The rhythm of the performance of kata has no bearing on the performance of the techniques extracted from it.
Übersetzung
KAISAI NO GENRI – Das Prinzip versteckter Techniken
Kaisai: die Arbeit, die (verborgenen) Techniken der Kata zu entschlüsseln
Genri: Theorie
Kaisai no genri ist eine Theorie und eine Reihe von Faustregeln, genutzt von Gōjū Ryū Karate-Meistern (Chojun Miyagi, Seikichi Toguchi), um die wesentlichen kämpferischen Anwendungen (Oyo) herauszuarbeiten, die von den Schöpfern der Karate-Kata in diesen verschlüsselt wurden. Diese Regeln wurden früher geheim gehalten und vor dem Tod des Meisters an die ältesten Schüler weitergegeben. Ohne eine solche Anleitung, wie die Kata aufgebaut sind, ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass sich die originale, kämpferische Bedeutung der Bewegungen erschließt.
Theorie
Die Theorie hinter Kaisai no Genri besagt, dass Kata ursprünglich aus Partnerübungen oder „Sparring-Sets“ bestanden, die von den früheren Kampfkünstlern praktiziert wurden. Mit der Zeit wurden viele dieser Übungen schwer zu merken, sodass der Verteidigungsteil der Übungen zu Einheiten zusammengefasst wurde und die ersten Kata bildeten. Es soll erwähnt werden, dass es sich dabei wahrscheinlich um chinesische Kampfkunstformen handelte. Als Kata in Okinawa erfunden wurden, war das Konzept wahrscheinlich bereits gut etabliert.
Die Angriffsmethoden wurden in den Formen nicht überliefert und sind daher unbekannt. Sie können jedoch aus der Positionierung der Gliedmaßen und des Körpers sowie den vorangehenden und nachfolgenden Bewegungen während des Bunkai-Prozesses oder im Gōjū Ryū-Karate während des Kaisai-Prozesses abgeleitet werden. Patrick McCarthy hat die Theorie aufgestellt, dass die überlieferten Übungen und Verteidigungsroutinen Reaktionen auf gewohnheitsmäßige körperliche Gewalttaten (HAPV-Theorie) waren.
Die Regeln
Die Regeln des Kaisai no genri sind unterteilt in drei grundlegende Regeln sowie neun weiterführende Regeln.
Shuyo san gensoko – Drei Grundregeln
1.Lasse dich nicht von der Form (d.h. dem Embusen) der Kata täuschen (bzw. verwirren).
…Das Kata-Embusen dient dazu, die Kata auf begrenztem Raum ausführen zu können.
…Die Form des Embusen hat keine Auswirkungen auf die Bedeutung der Techniken in der Kata.
2. In der Vorwärtsbewegung ausgeführte Techniken sind offensiv, beim Zurückweichen ausgeführte Techniken defensiv.
3.Es gibt nur einen Gegner, und dieser ist vor dir (bzw. kommt von vorn).
…Während der Ausführung der Kata die Richtung zu ändern bedeutet nicht, sich einem neuen Gegner zuzuwenden.
Hosoku joko – Weiterführende Regeln
1:Jede Bewegung in der Kata hat eine Bedeutung und soll in der Anwendung berücksichtigt werden.
…Es gibt keine „Grüße“, religiöse oder leere (bedeutungslose) Bewegungen in der Kata. Alle Bewegungen der Kata haben eine Bewandtnis.
2:Eine geschlossene Hand, die in Hiki Te gezogen wird, hat üblicherweise einen Körperteil des Gegners gefasst.
…Wenn eine Hand, besonders wenn sie geschlossen ist, in Hiki Te gezogen wird, sollte in Erwägung gezogen werden einen Körperteil des Gegners damit zu fassen, z.B. Arm, Handgelenk oder auch Kopf.
3:Nutze die kürzeste Distanz zum Gegner.
…In der Kata wird üblicherweise der Gegner mit der ihm nächsten, eigenen Waffe attackiert.
4:Wer den gegnerischen Kopf kontrolliert, kontrolliert den Gegner.
…Techniken in den Kata zielen oft auf Vital- oder Schmerzpunkte (Kyusho), von denen sich viele wichtige am Kopf befinden (z.B. Augen, Hals).
5:Es gibt keine Blocks.
…’Uke‘ sind keine Blocktechniken, sie stellen eine „Abwehr(-bewegung)“ dar (Anmerkung zur Übersetzung: Uke = aufnehmen, annehmen o.Ä.), jedoch stellen sie in den Kata evtl. nicht einmal eine Abwehrbewegung dar, sondern einfach die Bewegung der Gliedmaßen bei der Ausführung einer komplexeren Bewegung, wie die eines Wurfs.
6:Winkel in der Kata sind sehr wichtig.
…Der Winkel, in dem man sich bewegt, entspricht dem Winkel, den man im Verhältnis zum Gegner einnehmen muss, damit die Technik funktioniert. Es bedeutet nicht, dass man sich einem neuen Gegner zuwendet.
7:In der Kata einen eigenen Körperteil zu berühren kann darauf hindeuten, dass man in der Anwendung einen Körperteil des Gegners gefasst hat.
…Da man Kata allein (ohne Partner) übt, berührt man in der Kata einen eigenen Körperteil, um anzudeuten einen Körperteil des Gegners zu berühren oder zu fassen.
8:Greife keine harten Körperteile des Gegners mit eigenen, harten Körperteilen an.
…In der Kata werden üblicherweise harte Körperteile beim Gegner mit eigenen, weichen Körperteilen angegriffen und weiche, gegnerische Körperteile mit eigenen, harten Körperteilen.
9:Es gibt keine Pausen in der Anwendung.
…Der Rhythmus in der Ausführung der Kata hat keine Auswirkung auf die Ausführung der abgeleiteten Techniken.
Übersetzung durch Christian Feldmann im September 2025, ohne Anspruch auf die vollständige Korrektheit der Übersetzung zu erheben. Meine Übersetzung basiert auf der englischen Vorlage, die wiederum (vermutlich) auf der japanischen Originalvorlage basiert. Jeweils können aufgrund der jeweiligen sprachlichen Feinheiten und kulturellen Unterschiede in der Übersetzung Inhalte oder Sinn verändert wiedergegeben (oder verstanden) werden als in der Vorlage gedacht (s. „lost in translation“).